Auszug aus ´Bayani - Das gestohlene Kind´

Gay romance/Yaoi Roman (explizit - 18+)

 

 

Kapitel  - MENSCHENWARE

 

Plötzlich fuhr ein Auto durch das kleine Dorf. Mitten auf der unebenen Straße zwischen einigen verfallenen Häusern kam der große Geländewagen zum Stehen.

Der kleine Junge blickte interessiert auf, er hatte bisher nur wenige Male ein Auto zu Gesicht bekommen. Im Normalfall waren es kleine Transporter, die Lebensmittel und Kleidung für die verarmten Menschen des Dorfes brachten, doch von den netten Helfern war schon lange keiner mehr erschienen.

Die Bewohner, voran die vielen Kinder des Dorfes, scharten sich verwundert und zugleich hoffnungsvoll um den schwarzen Wagen mit den dunkel getönten Scheiben. Es war bereits spät am Abend, Bayanis Mutter war vor wenigen Minuten nach Hause gekommen und half ihrem ältesten Sohn beim Zubereiten des Abendessens.

Angelockt vom Lärm, den die Bewohner mit ihren durcheinander sprechenden Stimmen verursachten, schaute sie aus dem Haus.

„Bayani, hier geblieben.“, schrie sie ihrem jüngsten Sohn streng hinterher, da dieser sich erhoben und längst in Bewegung gesetzt hatte. Er wollte wissen, wer die Männer waren, die soeben aus dem Auto stiegen.

Die drei Herren waren vornehm in schwarzen Anzügen gekleidet und trugen elegante Lackschuhe, auf denen sich der Staub der Straßen schon nach wenigen Schritten absetzte.

Nur ein Philippiner war unter ihnen, die anderen beiden sahen chinesisch aus. Bayani hörte nicht auf seine Mutter und rannte zu den anderen Dorfbewohnern. Die überarbeitete Frau ging schnellen Schrittes hinterher und nahm ihn bei der Hand. Zusammen beobachteten sie, aus sicherer Entfernung, wie sich die Männer prüfend die versammelten Kinder ansahen.

Einer der Männer, er musste um die fünfzig sein, rief seinen Begleitern jedes Mal, nachdem er eines der Kinder betrachtet hatte, auf schlechtem Philippinisch etwas zu und diese kritzelten fleißig auf ihren mitgebrachten Notizblöcken herum.

Bayanis Geschwister waren mittlerweile zu ihnen gestoßen und lugten hinter ihrer Mutter vorsichtig hervor, als die Männer auf sie zukamen. Ohne Rücksicht zog er die beiden Jungs nach vorne und betrachtete ihre zierlichen Körper mit arrogantem Blick.

„Zu alt.“, befand er Bayanis ältesten Bruder und ließ ihn wieder los.

„Zu hässlich.“, war der Standpunkt zu seinem mittleren Bruder, der sich schnell wieder hinter der Mutter versteckte. Nun war Bayani an der Reihe und musste sich von oben bis unten mustern lassen.

„Der hier ist perfekt, vielleicht 4-5 Jahre alt, hübsches Gesicht. Ja, den nehmen wir.“, erklärte der hässliche Mann, der einen ungepflegten Bart im faltigen Gesicht trug, dem Philippiner der teilnahmslos nickte.

Der komische Kerl nahm die Mutter beiseite und redete überzeugend auf sie ein. Bayani und seine Geschwister konnten nicht hören, was gesagt wurde, doch sie erkannten an dem verzweifelten Gesicht ihrer Mutter, dass es kein angenehmes Gespräch war.

Der Kleinste der dreien lief schniefend zu seiner Mama hinüber und klammerte sich an ihren Beinen fest.

„Ich kann das nicht.“, schluchzte die überforderte Frau und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Glauben Sie mir, er wird es viel besser haben als hier. Er kann zur Schule gehen und später sogar studieren. Und Ihnen bringt es doch auch was, mit dem Geld können Sie ihre anderen beiden Kinder unterstützen.“, redete der Philippiner weiterhin ruhig auf die Frau ein und versuchte sich an einem freundlichen Lächeln. Er hielt ihr demonstrativ einen offenen Umschlag unter die Nase, der einige Geldscheine beinhaltete.

Die überforderte Frau nickte schluchzend und fiel vor ihrem jüngsten Sohn auf die Knie. Ihre Hände ergriffen zärtlich seine Schultern und sie lächelte unter den vielen Tränen, die ihre Augen verließen.

„Bayani, du muss mir jetzt gut zuhören. Du weißt, dass ich dich über alles liebe?“

Der Junge nickte zaghaft und zog die Nase hoch.

„Und deswegen musst du jetzt mit diesen Männern mitgehen! Sie werden dich in eine wohlhabende Familie bringen. Dort bekommst du dein eigenes Zimmer und kannst zur Schule gehen. Du wirst es dadurch viel besser haben als wir. Verstehst du das?“

Bayani verstand nichts von alledem, er wollte nicht weg von seiner Familie.

„Nein, Mama, ich bleibe hier.“, schrie er bitterlich heulend und riss sich von ihr los. Seine Mutter brach endgültig zusammen und vergrub ihre krampfenden Hände im Schmutz der Straße. Ein erschütternder Schrei verließ ihre Kehle, bevor sie ohnmächtig im Dreck liegen blieb. Der Philippiner rollte genervt mit den Augen und schmiss ihr den Umschlag einfach hin. Seine beiden Begleiter rannten derweil dem fliehenden Jungen hinterher und brachten den zappelnden Schreihals zum Auto.

Auf dem Weg überreichte der Philippiner einer weiteren Frau einen Umschlag mit Geld und erhielt im Gegenzug ihre gerade mal zwei Jahre alte Tochter. Wie auch Bayanis Mutter war sie kurz davor in Ohnmacht zu fallen. Das gesamte Dorf heulte und versuchte die Männer davon abzuhalten, die beiden Kinder mitzunehmen.

„Aus dem Weg! Wir haben die Ware rechtmäßig für Geld erworben. Die beiden gehören jetzt uns, also hört auf mit dem Gezeter.“ Genervt bahnten sich die Herren ihren Weg durch die aufgebrachte Meute.

Bayani brüllte und trat um sich, doch es half alles nichts. Mit Gewalt wurden er und das Mädchen ins Auto gepackt und die Türen verriegelt. Heulend schlug er gegen das Fenster, doch niemand konnte ihn sehen hinter den dunklen Scheiben. Die Reifen drehten durch und schleuderten den Dreck der Straße auf, der sich als Staubwolke über die herumstehenden Dorfbewohner legte. Dann rasten sie davon, den schluchzenden Jungen und das vor Angst erstarrte Mädchen im Schlepptau, die vor Anstrengung schon würgend, auf dem Rücksitz festgeschnallt saßen.

Es sollte das letzte Mal sein, dass Bayani sein vertrautes Dorf mit den liebevollen Menschen, die dort wohnten und allesamt wie Familienmitglieder waren, sah.

 

Sie fuhren einige Stunden und Bayani konnte sich einfach nicht beruhigen. Er hatte wahnsinnige Angst und wollte nach Hause. Das plötzliche Herausreißen aus seiner bekannten Umgebung, weg von seiner geliebten Familie, verstand er mit seinen viereinhalb Jahren nicht.

Nach kurzer Zeit war das Mädchen in sein Geschrei eingestiegen und schlug nun ebenso um sich wie der entsetzte Junge. Die ersten zwei Stunden schrien und heulten die Kinder ununterbrochen, bis es den drei Herren zu bunt wurde.

„Halt dein Maul.“, brüllte der philippinische Mann, der neben Bayani auf dem Rücksitz saß, ungehalten an und schlug ihm mit der flachen Hand mitten ins Gesicht. Kurz verstummte der Junge aufgrund des Schocks, er war noch nie so hart geschlagen worden, weder von seiner Mama noch von seinem Papa. Er schmeckte sein eigenes Blut, das aus Nase und Lippen quoll.

Die Augen weit aufgerissen, begann er nun noch schriller zu heulen als vorher. Der Schmerz mischte sich mit seinem Heimweh und die Emotionen überschlugen sich in dem kleinen Jungen.

„Gib den beiden was, sofort.“, befahl der Fahrer genervt. Der Philippiner brummte missmutig, griff in seine Anzugtasche und träufelte eine klare Flüssigkeit aus einer kleinen Flasche auf seinen Zeigefinger.

Ohne Vorwarnung packte er den Jungen an den Haaren, riss dessen Kopf nach hinten und steckte ihm den Finger unsanft in den Mund. Bayani hustete und würgte, konnte sich aber nicht befreien.

Nach und nach ebbte die Gegenwehr ab und er wurde still. Ihm wurde schwindelig, die Sicht verschwamm und einige Minuten später wurde er bewusstlos. Das Mädchen bekam die gleiche Dosis KO-Tropfen verabreicht und sank ebenfalls in ihrem Sitz zusammen.

Erst sechs Stunden später erwachte Bayani, geweckt durch ein sanftes Schaukeln und den Krach laufender Motoren. Sein Kopf schmerzte fürchterlich als er die Augen mühsam öffnete. In seinem Magen rebellierte es als er versuchte sich zu bewegen.

Fixiert mit mehreren Seilen, die fest über seinen gesamten Körper gespannt waren, konnte er sich weder aufsetzen noch umdrehen. Er wusste nicht wo er sich befand und konnte sich an kaum etwas vor dem Einschlafen erinnern.

„Mama?“, rief er mit zittriger, dünner Stimme und wandte sich unter den Seilen.

„Mama!“

Er schrie so laut er konnte nach der Frau, die ihn bisher nie enttäuscht und sich gut um ihn gekümmert hatte, doch er erhielt keine Antwort.

Statt der Stimme seiner Mutter, hörte er das genervte Grunzen einiger Männer, die sich ihm näherten. Unbeweglich durch die Fixierung, konnte er nicht einmal in die Richtung schauen, aus der die Stimmen kamen. Sein Blickfeld war auf eine grauweiße Decke und braune Ledersessel, die direkt neben ihm standen, beschränkt.

„Geht das Geschrei schon wieder los?“

Der philippinische Menschenhändler beugte sich über den schreienden Jungen und spukte ihm angewidert ins Gesicht.

„Soll ich ihm noch ein paar KO-Tropfen geben?“, wandte er sich an seine Komplizen.

„Lieber nicht, sonst verreckt er uns auch noch. Der Kleine ist zu niedlich, das wäre reinste Verschwendung. Ich will ja nicht angeben, aber für dieses perfekte Exemplar bekommen wir locker über 100.000 Dollar.“, erwiderte der Mann, der den Wagen gefahren hatte.

„Außerdem müssten wir den restlichen Flug eine Leiche mitführen, wenn du zu hoch dosierst. Das Mädchen konnten wir wenigstens schnell am Straßenrand entsorgen. Hm, wirklich schade um das Geld.“

„Das heißt, sein Gebrüll müssen wir uns jetzt den ganzen Flug antun?“, seufzte der Philippiner entnervt und schaute den ängstlichen Jungen abschätzig an.

„Denk einfach an das Geld!“, lachte einer der anderen Männer und entfernte sich. Die anderen gingen hinterher und ließen den schreienden Jungen wieder allein.

Bayani erinnerte sich an einen Abend vor ungefähr einem Jahr. Damals war er mit seinem Vater spazieren gegangen und hatte Steinchen zum Spielen gesammelt. Ein lautes Brummen am Himmel ließ ihn damals auf schauen.

„Papa, was fliegt denn da oben am Himmel?“, hatte er fasziniert wissen wollen und war dem weißen Punkt neugierig mit den Augen gefolgt.

„Das ist ein Flugzeug.“, antwortete sein Vater und suchte nach einem Stock und zwei Blättern, die er von einem Zweig riss und seitlich an den kleinen Ast legte. Er machte das brummende Geräusch eines Flugzeugs nach und ließ den selbst gebauten Flieger in seiner Hand durch die Luft schweben.

„In so einem Flugzeug sitzen ganz viele Menschen und können in ferne Länder fliegen. Das geht viel schneller als mit einem Schiff.“, hatte ihm sein Vater erklärt und Bayani wünschte sich eines Tages auch mal fliegen zu können.

 

Schluchzend stellte er sich vor, wie er nun selbst ganz weit weg flog, weg von seiner Familie und weg von seinem Dorf. Ihm wurde ganz schwindelig von der ganzen Heulerei.