Auszug aus ´Der letzte Zug´

Gay romance/Yaoi Roman (explizit - 18+)

 

 

Kapitel 1 - PROLOG 

 

Völlig außer Atem sank Takeo auf dem Bahnsteig in die Knie und starrte dem Zug hinterher, den er eigentlich noch hatte erwischen wollen. Wie so oft konnte er nur dem leisen Rattern der Räder auf den Schienen lauschen, das sich von Sekunde zu Sekunde weiter entfernte, bis es schließlich ganz in der Nacht verhallte.

Es war schon spät am Abend und der kleine Bahnhof lag still und menschenleer in der schlafenden Stadt. Innerlich verfluchte er seinen Chef, da dieser, wahrscheinlich aus Gemeinheit, die Besprechungen immer erst eine Stunde vor Feierabend einberief.

So kam er mindestens dreimal die Woche frühestens um halb zehn aus der Fabrik und hatte kaum mehr eine Chance den letzten Zug zu erreichen.

Genau genommen war es nicht weiter wild, er konnte sich ohne Probleme ein Taxi leisten, wäre da nicht diese gewisse Person, die, im Schatten der mächtigen Säulen, die das Dach des Bahnhofs tapfer trugen, tagtäglich auf ihn wartete.

Die grellen Lichter des verpassten Zuges verblassten in der Ferne und die Landschaft wurde im tiefen Schwarz der kühlen Nacht zurückgelassen. Ein schwaches Seufzen kam ihm über die Lippen als er langsam aufstand, den Blick weiterhin wehmütig auf die Gleise gerichtet, auf denen der Zug davongefahren war.

„Gib es ruhig zu, du verpasst den letzten Zug mit Absicht. Nicht wahr?“ Eine bekannte Stimme drang an sein Ohr und jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Obwohl er darauf gefasst gewesen war, zuckte er erschrocken zusammen, als ihn von hinten eine Hand sanft an der Schulter berührte und die ruhige, tiefe Stimme bedrohlich die Stille durchbrach.

Am liebsten hätte er geschrien, dass es nicht wahr sei, dass es ein weiterer unglücklicher Zufall war und er sich nun ein Taxi bestellen und nach Hause fahren würde. Doch seine Stimme ließ ihn kläglich im Stich und mehr als ein unverständliches Krächzen wollte ihm nicht gelingen.

Takeo konnte das überlegene Lächeln auf den blassen Lippen förmlich in seinem Nacken spüren.

Verzweifelt schlug er mit der flachen Handfläche auf den Asphalt ein, dessen Kälte ihm durch die Beine langsam in den ganzen Körper kroch.

Zögernd und zittrig stemmte er sich hoch und stand mit weichen Knien auf dem Bahnsteig. Seine Knie gaben beinahe nach als er sich zaghaft umdrehte und den Kopf soweit hob, dass er Auge in Auge mit der Person seiner schlimmsten Träume und gleichzeitig seines abscheulichsten Verlangens stand.

Das fürchterlich überhebliche Lächeln lag ungetrübt auf dem makellosen, bleichen Gesicht unter den eiskalten, starren Augen, die ihn, dunkel wie die Nacht, fixierten und für einen Moment hatte er das Gefühl ohnmächtig zu werden. In seinem Kopf drehte sich plötzlich alles, das starke Schwindelgefühl nahm die Überhand und ließ die nächtliche Umgebung vor seinen Augen zu einem einheitlichen, matschigen Brei verschwimmen.

Nur der schnellen Reaktion der Person, die an seinem schwachen Zustand schuld war, verdankte er es, nicht der Länge nach auf den harten Asphalt zu stürzen. Stattdessen schlangen sich zwei starke Arme um den zierlichen Körper und hielten ihn ohne spürbaren Kraftaufwand aufrecht.

Takeo schloss die Augen und kämpfte gegen den unangenehmen Schwindel an, der eine scheußliche Übelkeit mit sich brachte. Doch der Versuch scheiterte.

Die eisernen Arme, die um seinen Körper geschlungen waren, der heiße Atem an seinem Ohr und die furchterregende Person, an der er wie ein Stück willenloses Fleisch hing, all das war zu viel für ihn.

Stetig kroch die Übelkeit aus seiner Magengegend Stück für Stück empor, bis er letztendlich den Würgereiz nicht mehr unterdrücken konnte.

Ruckartig riss er sich von der weiterhin still lächelnden Person los und taumelte ein paar Schritte über den Bahnsteig. Er konnte sich gerade noch an eine der vielen gewaltigen Säulen lehnen bevor er seinen Mageninhalt würgend an deren Fuß entleerte.

Angewidert von sich selbst und der restlichen, ungerechten Welt, glitt er mit dem Rücken an der Säule hinunter und blieb zusammengekauert und regungslos auf dem kühlen Boden sitzen.

Eine Weile geschah nichts, kein Laut war zu hören, außer Takeos leisem Schluchzen, das unbeachtet in der Dunkelheit verhallte. Niemand sprach zu ihm, keiner berührte ihn und er war sich nicht sicher, ob er sich überhaupt noch in Gesellschaft befand. Zu seinem Erschrecken wusste er nicht einmal, ob ihn das glücklich oder traurig machte.

Viel Zeit darüber nachzudenken bekam er jedoch nicht, denn noch bevor er den Gedanken weiterführen konnte spürte er, wie er sanft, aber mit Nachdruck, auf die Beine gezogen wurde. Er ließ es wortlos geschehen, den Blick weiterhin auf den welligen Steinboden gesenkt.

„Gehen wir!“, befahl die tiefe, mächtige Stimme, die ihn in den Wahnsinn trieb. Sein Widerstand war schon lange gebrochen. Kraftlos und ohne Widerworte lief er neben dem Besitzer dieser Stimme her und ließ sich von ihm beim Gehen stützen.

Er musste nicht erst fragen wohin sie gingen, er kannte den Weg und das Ziel schon in- und auswendig. Eine ganze Weile geradeaus, vorbei an dem heruntergekommenen, verlassenen Kiosk, an dessen Wänden schon das erste Unkraut hervor wuchs. Rechts in die kleine, gespenstische Gasse mit den vielen zerfallenen Häusern und verwahrlosten Hecken. Alles schien verlassen, nirgends brannte Licht oder waren stimmen zu hören. Nur der Wind heulte bedrohlich zwischen den Häuserwänden hindurch, ließ lose Fensterläden klappern und Papierfetzen von alten Türen geisterhaft tanzen. Sie gingen den steilen Hügel hinauf, der aus der einsamen Stadt hinausführte, durch das knarrende, silberglänzende Gartentor, hinein in den verwilderten Garten. Rosenbüsche wuchsen kreuz und quer über den schmalen, holprigen Weg, der zum Haus führte.

Dann betraten sie endlich das alte, aber hübsche Häuschen, das im Gegensatz zur restlichen Stadt, gepflegt aussah. Die vielen Zimmer weckten Erinnerungen.

Am Eingang blieb Takeo kurz seufzend stehen. Doch als er losgelassen wurde, durchquerte er ohne zu zögern den hellen Flur, das große, gemütliche Wohnzimmer und verschwand im Bad. Auch das kannte er bald schon besser als sein eigenes Badezimmer.

Obwohl er wusste, dass ihm keiner folgen würde, verschloss er die Tür von innen und stellte sich stöhnend ans Waschbecken. Er wusch sich das eingefallene Gesicht und spülte seinen Mund gründlich aus, um den widerlichen Geschmack zu vertreiben.

Aus dem Spiegel der, hinterhältiger Weise, über dem Waschbecken hing, starrte eine fremde Person zurück. Ihre geröteten Wangen waren eingefallen und die langen, schwarzen Haare hingen ihr in Strähnen im bleichen Gesicht. Die tiefbraunen Augen waren glasig und von den sündhaft vollen Lippen perlten kleine Wassertropfen und hinterließen eine feuchte Spur auf der zarten Haut.

Mit bebenden Lippen betrachtete er fassungslos sein erschreckendes Spiegelbild und ballte die Hände zu Fäusten. „Wer bin ich?“, murmelte er gedankenlos vor sich hin, er war kurz davor den Spiegel zu zerschlagen.

Als er sein Spiegelbild nicht länger ertrug, wandte er sich knurrend ab und setzte sich auf den Rand der großen Badewanne, bei deren Anblick ihm die Szene der ersten Begegnung in den Kopf schoss.

Sein Blick fiel auf die verschlossene Tür, niemand hämmerte dagegen oder versuchte sie gewaltsam zu öffnen, niemand rief nach ihm oder drängte ihn darauf endlich heraus zu kommen. Nein, er konnte so lange er wollte hier drinnen bleiben und der Ansatz eines Lächeln huschte über sein ausgemergeltes Gesicht.

Vorsichtig rutschte er vom Badewannenrand und setzte sich auf den dicken, roten Teppich, der vor der Wanne lag.

 

Die Übelkeit war verflogen, nur ein kaum spürbares Pochen blieb in seinem Kopf zurück, sowie ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend. In Gedanken versunken kramte er in seiner Tasche nach einem unbeschriebenen Blatt Papier und einem Stift, beides fand er ohne Mühe. Und während Bilder und Gefühle der letzten Monate über ihn hereinbrachen, begann er, mit zittriger Hand, erst einzelne Worte, dann zusammenhängende Sätze und schließlich einen kompletten Text, auf das trübe Papier zu kritzeln. Einige Tränen fanden ihren Weg auf das weiße Papier und mischten sich mit der schwarzen Tinte.