Robin und der Tod - Jetzt ist Sense (Band 1)

Gay Fantasy/Yaoi (explizit - 18+)

 

 

Halluzinationen

 

Neugierig lasse ich den Blick durch das Zimmer schweifen, vielleicht sind noch mehr Leute gekommen mich zu bedauern.

Tatsächlich, in der hintersten Ecke ist eine ganz in schwarz gekleidete Person, die mir allerdings nicht bekannt vorkommt. Als ich ihn sehe, trifft mich der Blick des Mannes wie ein Schlag. Die Augen sind stahlblau und starren mich bedrohlich an. Im Kontrast dazu das bleiche Gesicht, das so ungesund aussieht, als müsse eigentlich er hier liegen, nicht ich.

Er trägt eine seltsame schwarze Kutte, mit ausladender Kapuze, die im tief in die Stirn hängt. Seine knorrigen Wangen sind von fast schneeweißem Haar umrahmt, das ihm locker ins Gesicht und bis über die Schultern fällt.

Ich bin gefesselt von diesem Anblick. Noch nie zuvor habe ich einen so wunderschönen Mann gesehen. Bitte Gott, lass ihn schwul sein, ich muss diesen Kerl einfach haben. Doch noch weiß ich nicht mal wer der Fremde überhaupt ist. Wenn es sich um einen Freund meines Bruders handelt, kann ich die Sache eh vergessen. Ich musste ihm schwören, mich niemals an einen seiner Freunde ran zu machen und aus Bruderliebe will ich mich gern daran halten.

„Wer ist das?“, frage ich meine in Tränen aufgelöste Mutter und deute mit dem Kopf in Richtung des hübschen aber seltsamen Mannes. Sie dreht den Kopf und sieht in die Sitzecke, dann wendet sie sich mit großen Augen wieder zu mir.

„Wen meinst du?“

Muss ich den Kerl etwa kennen? Hat mein Gehirn so großen Schaden genommen, dass ich meine Freunde nicht mehr erkenne? Nur, warum war mir dann sofort klar, dass meine Mutter und mein Bruder hier sind?

„Na der hübsche Typ, der da in seiner komischen Kutte sitzt!“

Ich nicke erneut in seine Richtung und erschrecke, als er frech grinsend zurückschaut.

„Schatz, da sitzt niemand, nur Nico und ich sind hier.“

Verzweifelt klingelt meine Mutter nach der Krankenschwester und weint noch schlimmer als vorher.

„Natürlich, da sitzt ein Kerl mit weißen Haaren und einer schwarzen Kutte mit Kapuze.“

Die Sense, die ich neben ihm an der Wand gelehnt entdecke, erwähne ich mal lieber nicht. Bevor meine Mutter etwas erwidern kann, fliegt die Tür auf und eine Schwester schneit herein.

„Was ist los?“, fragt sie, den Blick besorgt auf meine recht armselige Erscheinung gerichtet. Meine Mutter antwortet für mich.

„Ich würde gerne mit dem Arzt reden, mein Sohn hat Halluzinationen.“

Entsetzt wechselt der Blick der Schwester zwischen meiner Mutter und mir hin und her.

„Ich habe keine Halluzinationen. Da drüben sitzt wirklich einer und grinst mich blöd an.“

Der Typ schnauft beleidigt und streckt mir die Zunge raus. Nun starrt auch die Schwester zur Sitzecke und bekommt ganz große Augen. Na also, wenigstens sie sieht den Mann und wird meiner Mutter gleich die Leviten lesen, wie sie mich nur so verarschen kann.

„Oh, das ist gar nicht gut. Allerdings haben wir eine Kopfverletzung ausgeschlossen. Kommen Sie mal mit zu Doktor Bracke, er wird weitere Untersuchungen veranlassen.“

Schon ist meine Mutter mit der Schwester aus dem Zimmer verschwunden. Genervt probiere ich mein Glück bei meinem Bruder.

„Du siehst ihn doch, oder? Ist der Kerl ein Freund von dir?“, frage ich eindringlich, doch er zuckt nur entgeistert mit den Schultern und flieht aus dem Zimmer.

Toll, jetzt bin ich mit dem Sensenmann alleine. In der Hoffnung, es ist nur der erste April und alle würden gleich reingerannt kommen und diesen makabren Scherz auflösen, krame ich in meinem Kopf nach Zahlen. Nein, vier Tage lag ich im Koma, also habe ich vor knapp einer Woche meinen Führerschein gemacht, es war also immer noch Juni, nicht April.

Zerknirscht rümpfe ich die Nase und wende mich direkt an den komischen Kauz, der still lächelnd auf dem Stuhl sitzt.

„Was soll der Scheiß? Wer bist du, was willst du hier und warum behaupten alle, ich hätte Halluzinationen?“

Endlich kommt Bewegung in die stille Gestalt. Er steht auf, nimmt seine bescheuerte Sense zur Hand und kommt auf mein Bett zu.

Direkt neben mir stehend wirkt er weitaus bedrohlicher, als in der Ecke sitzend. Er ist gut anderthalb Köpfe größer als ich und deutlich breiter gebaut. Die Kapuze hängt mittlerweile so tief in seinem Gesicht, dass ich nur noch seine wohlgeformten, vollen Lippen sehen kann.

„Ich bin der Tod!“ Seine Stimme erfüllt den ganzen Raum mit einer tiefen Vibration, die mir durch Mark und Bein geht. Kurz bekomme ich Angst, doch ich fange mich schnell wieder und fange schallend an zu lachen. Mein gesamter Körper wird durchgeschüttelt und die Schmerzen, die mich durchfahren, sind kaum auszuhalten. Dennoch kann ich nicht aufhören zu lachen.

„Okay, verstehe.“ Ich japse nach Luft. „Da habt ihr mich ja schön drangekriegt.“

Ich muss zugeben, einem Komapatienten so einen makabren Streich zu spielen, hätte ich meiner Mutter nicht zugetraut. Es ist allerdings um einiges erheiternder, als ständige Sorge und Beileidsbekundungen.

Leider lacht der Mann nicht mit und sieht mir eher entsetzt in die Augen.

„Normalerweise reagieren die Menschen anders, wenn sie mir begegnen.“

Er scheint wirklich ein bisschen beleidigt zu sein. Ich frage mich, wo meine Mutter den Kerl aufgetrieben hat, er spielt seine Rolle echt ziemlich gut. Noch immer lachend merke ich erst viel zu spät, dass meine Mutter in Begleitung des Arztes das Zimmer betreten hat.

„Sagen Sie mir bitte was oder wen genau sie sehen!“, ermutigt mich der Onkel Doktor und stellt sich direkt neben den Sensenmann.

„Na den Typ da!“, lache ich und zeige mit der heilen Hand direkt neben ihn.

„Das war wirklich ein guter Streich. Einfach jemanden zu engagieren, der mir den Sensenmann vor spielt, sobald ich aus dem Koma erwache. Hab selten so gelacht. Aber bitte in nächster Zeit keine solche Streiche mehr, das Lachen tut mir im ganzen Körper weh.“

Mittlerweile kichere ich nur noch erschöpft und wundere mich doch ein wenig über meine abermals heulende Mutter.

„Es tut mir leid, wir spielen Patienten keine Streiche. Wen auch immer Sie sehen, er ist nicht echt. Aber ich kann Sie beruhigen, nach einem Koma kann es schon mal vorkommen, dass einem das Gehirn etwas vorgaukelt. Um eine Verletzung nochmals auszuschließen, würde ich jedoch gerne noch ein CT von Ihrem Kopf machen lassen.“

Der Arzt verlässt das Zimmer und ich realisiere langsam, dass mit mir tatsächlich etwas nicht stimmt. Ängstlich schiele ich zu meinem ungebetenen Besucher, das Lachen ist mir vergangen.

„Sie können mich nicht sehen!“, spricht meine Halluzination und lächelt überlegen. Danke, das habe ich mittlerweile auch kapiert.

„Natürlich nicht, du bist ja auch gar nicht wirklich hier. Verschwinde aus meinem Kopf.“

Verärgert strecke ich ihm nun meinerseits die Zunge raus. Meine Mutter beobachtet die skurrile Szene schluchzend.

„Der Arzt sagt, du brauchst Ruhe. Ich komme morgen wieder.“, murmelt sie und geht zur Tür.

„Okay, bis morgen ist der Kerl hier bestimmt auch verschwunden.“, versuche ich sie mit wenig Erfolg aufzumuntern. Sie schluchzt ein letztes Mal herzzerreißend, dann verlässt sie mein Zimmer.

„Ich werde bis morgen mit Sicherheit nicht verschwunden sein!“, sagt mein imaginärer Gast und scheint darüber ebenso wenig erfreut wie ich.

„Was soll das denn bitte heißen? Du existierst ja gar nicht.“

Langsam werde ich wütend. Erst so ein schrecklicher Unfall und jetzt darf ich mich mit nervigen Halluzinationen rum schlagen, die auch noch mit mir reden, ganz toll.

„Ich bin keine verdammte Halluzination, ich bin der Tod und mich gibt es wirklich.“

Wieder hallt seine aufdringlich tiefe Stimme durch mein Zimmer. Ich schließe für einen Moment die Augen und als ich sie wieder öffne ist der Platz neben meinem Bett leer. Na Gott sei Dank, endlich habe ich meine Ruhe.

„Ich bin hier!“

Verdammt, er steht doch tatsächlich auf der anderen Seite des Bettes, in gleicher Pose und grinst mich fies an.

„Ich sage doch, so schnell wirst du mich nicht mehr los!“

Spätestens morgen, denke ich im Stillen und beschließe den Sensenmann zu ignorieren. Ich schnappe mir die Fernbedienung und schalte den Miniaturfernseher ein, der vor meinem Bett hängt und furchtbar flimmert. Egal, ich brauche etwas Ablenkung, geschlafen habe ich die letzten Tage genug.

Eine Weile schaffe ich es sogar mich auf das schlechte Fernsehprogramm zu konzentrieren, ohne verstohlene Blicke neben mein Bett zu werfen.

„Rutsch mal ein Stück rüber, ich habe keinen Bock die ganze Zeit blöd rumzustehen und ignoriert zu werden.“

Der penetrante Kerl wartet eine Antwort gar nicht erst ab und quetscht sich zu mir auf das kleine Bett.

„Hey, spinnst du? Ich bin schwer verletzt!“, meckere ich ihn an und reiße empört die Augen auf. Doch den Sensenmann kümmert mein Zustand relativ wenig, er macht es sich neben mir bequem und schiebt die riesige Kapuze vom Kopf. Bei seinem Anblick bleibt mir vor lauter Staunen der Mund weit offen stehen.

Er ist bildschön mit seiner dicken, weißen Mähne und der makellosen, bleichen Haut, ich kann gar nicht weg sehen.

„Starr mich nicht so an wie ein untervögelter Teenager.“, beschwert sich mein neuer Bettgenosse und ich plustere die Backen auf ob dieser Unverschämtheit.

„Ich bin 25 und kein Teenager mehr!“, stelle ich die Sache klar und wende den Blick beleidigt ab.

„Aber untervögelt ist richtig, oder?“, lacht er.

So eine Frechheit. Am liebsten würde ich ihm eine reinhauen, was in meinem beschissenen Zustand leider nicht möglich ist.

Zu allem Übel muss ich zugeben, dass er leider recht hat, doch das werde ich ihm sicher nicht auf die Nase binden. Schmollend verfolge ich die Fernsehshow, die mich allerdings rein gar nicht interessiert.

Vielleicht sollte ich die Gesellschaft des Sensenmannes noch ein wenig ausnutzen für die Abendunterhaltung, morgen ist er schließlich weg. Entschlossen schalte ich den Fernseher aus und drehe mich so gut es geht auf die Seite, um ihn betrachten zu können.

 „So so, du bist also der Tod, der berühmte Sensenmann…“, beginne ich ein Gespräch.

„Ach, hat der Herr sich dazu entschieden meine Wenigkeit doch nicht zu ignorieren?“

Ein herablassendes Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Ich schnaube genervt.

„Bild dir bloß nichts drauf ein, du Hirngespinst, mir ist nur langweilig.“, entgegnete ich, er soll trotz allem morgen brav verschwinden.

„Na dann, ja ich bin der Tod. Ich suche alle Sterbenden heim und begleite sie auf ihrem Weg ins Schattenreich.“ Soweit kann ich mir das alles ja noch zusammenreimen.

Komisch, wie er so neben mir liegt. Sein Arm berührt meinen und sein Bein schmiegt sich an meins. Es fühlt sich verdammt echt an, ist das normal bei Halluzinationen? Halt, sein Bein schmiegt sich an meins, ich kann es ganz genau spüren, seine weiche Kutte an meiner nackten Haut. Zur Sicherheit drücke ich mich ein wenig näher an ihn heran, was er mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert. Doch was er davon hält ist mir im Moment relativ egal, hier geht es um mich, um meine Beine, die ich nach meinem Erwachen nicht spüren konnte. Begeistert jauchze ich und trete meinem Bettgenossen kräftig gegen das Schienbein.

„Au, was soll das?“, jammert der Sensenmann und reibt sich die Stelle, vorwurfsvoll die Lippen schürzend.

„Meine Beine! Ich kann meine Beine wieder spüren, das heißt ich bin nicht auf Dauer gelähmt. Man, bin ich froh.“

Mitten im Satz breche ich ab. Hat die Halluzination gerade ernsthaft enttäuscht geseufzt? Langsam wird mir der Kerl echt unsympathisch.

„Du könntest dich wenigstens mit mir freuen, wenn ich schon den Abend mit dir verbringen muss.“, sage ich empört und schiebe schmollend die Unterlippe vor.

Doch der Typ, der es sich neben mir auf dem Bett sichtlich bequem gemacht hat, sieht alles andere als erfreut aus.

„Warum sollte ich mich darüber freuen? Das ist total ätzend, jetzt muss ich noch länger bei dir rumhängen.“

Der scheint das wirklich ernst zu meinen und ich werde langsam sauer.

„Du kannst gerne sofort verschwinden. Dich gibt es nicht, du existiert allein dank meines blöden Komagehirns und der Arzt sagt, du bist ab morgen eh verschwunden. Tu dir also bloß keinen Zwang an. Verpiss dich einfach!“

Während ich so vor mich hin meckere, beugt er sich gefährlich über mich. Bevor ich ahne was geschieht, drückt er mir seine warmen Lippen auf den Mund und küsst mich. Unfähig mich zu wehren, reiße ich nur entsetzt die Augen auf und starre ihn an. Es ist nur ein ganz kurzer Kuss, doch in mir löst er ein Feuerwerk der Gefühle aus. Seine Lippen sind wunderbar weich und passen sich perfekt meinem Mund an. Als er sich von mir löst grinst er mir frech ins Gesicht.

„Und, fühlt sich das etwa an wie eine Halluzination?“, fragt er kichernd und legt sich zurück auf die Seite, die er sich unter den Nagel gerissen hat.

Komplett fassungslos fahre ich mit der Zunge über meine Lippen. Nein, es hat sich echt angefühlt.

„Sieh es ein, mich gibt es wirklich und so schnell wirst du mich nicht mehr los.“

Ich öffne den Mund, um etwas zu erwidern, muss ihn allerdings unverrichteter Dinge wieder schließen, mir fällt einfach nichts dazu ein. Mein Gehirn muss wirklich einen riesigen Schaden davongetragen haben. Jetzt handelt es sich nicht mehr nur um eine audiovisuelle Halluzination, nein, spüren kann ich sie auch noch.

„Dein Ernst? Du glaubst mir immer noch nicht?“, fragt der hübsche Typ sichtlich genervt und verdreht die strahlend blauen Augen, die sein bleiches Gesicht noch kälter wirken lassen. Langsam schüttle ich den Kopf, doch so ganz sicher bin ich mir nicht mehr.

„Was soll ich tun, damit du mir glaubst?“ Beleidigt schnaufend verschränkt mein Bettgenosse die Arme vor der Brust.

Ich starre ihn noch immer entgeistert an und denke scharf nach. Einen Beweis, ich brauche definitiv einen Beweis. Doch was kann er tun, dass mich überzeugen würde? Für einen kurzen Moment schließe ich die Augen und gehe in mich. Dann schleicht sich ein breites Grinsen auf mein zierliches Gesicht. Ich darf mir den Beweis aussuchen, also warum sollte es nichts für mich angenehmes sein? Etwas, das ich in meinem Zustand nicht selbst erledigen kann.

„Du willst mir deine Existenz also beweisen?“, frage ich sicherheitshalber noch mal nach und beobachte mit Genugtuung seine entgleisenden Gesichtszüge. Er scheint zu ahnen, dass ich mir etwas nicht ganz Jugendfreies ausgedacht habe. Selber schuld, er hätte mich ja nicht küssen müssen. Einem wunderschönen Mann wie ihm kann ich nun mal nicht widerstehen.

„Blas mir einen!“, fordere ich entschlossen und schiebe die Decke so gut ich kann von meinen Beinen. Unter meinem, zugegeben nicht besonders geilen, Krankenhaushemd, zeichnet sich schon eine deutliche Beule ab.

Hey, ich lag vier Tage im Koma und davor war auch nicht viel los gewesen. Ja, ich habe es wirklich nötig. Er starrt fassungslos zwischen meiner Beule und meinen Augen hin und her und kann sich wohl nicht entscheiden.

„Ich bekomme einen Beweis hast du gesagt. Also worauf wartest du noch?“

Normalerweise bin ich nicht so freizügig und forsch, doch ich bin immer noch felsenfest davon überzeugt, dass er nicht real ist und warum sollte ich mich vor einer Halluzination schämen?

„Ich dachte da eher an etwas weniger Perverses. Kann ich nicht einfach jemanden für dich umbringen?“

Seine Augen betteln mich förmlich an, doch ich bleibe hart, im wahrsten Sinne des Wortes.

„Und was genau ist daran weniger pervers?“ Jemanden umbringen, so weit kommt es noch. So sicher bin ich mir dann nun auch wieder nicht, dass er nicht real ist, als dass ich ein Leben dafür aufs Spiel setze.

„Das ist mein Job, schon vergessen?“, fragt er scheinheilig und lässt seine Hand nach unten wandern. Bewegungslos verharrt sie auf der ausgeprägten Beule zwischen meinen Beinen.